Das 100 Terawattstunden-Versprechen der Solarthermie

Der Bundestagswahlkampf 2017 befeuert die energiepolitische Diskussion. In dieser ist viel von Ausbaudeckeln für Wind- und Solarenergie die Rede. Gemeint sind die im Erneuerbare-Energien-Gesetz festgeschriebenen Obergrenzen des jährlichen Zubaus von Windenergie- und Photovoltaikanlagen, wenn diese eine Ökostrom-Vergütung nach dem EEG erhalten sollen.

In seinen Energiepolitischen Wahlprüfsteinen fragt der Lobbyverband EUROSOLAR die Parteien explizit nach einer Aufhebung dieser Deckel. Wenn es nach der Bundestagswahl zu einer Koalition mit Beteiligung der Christdemokraten oder der FDP kommt, sieht es dafür schlecht aus: beide wollen den schnellen Umbau der Stromversorgung auf Ökostrom verhindern, und angesichts der Wählerstimmung im Land wird Realpolitik daran voraussichtlich nicht vorbeikommen.

Die Folgen einer einseitigen Sektorkopplung

Wenn aber mit dem Ziel der Dekarbonisierung von Mobilität und Wärmemarkt verstärkt Strom fossile Energien aus der Raumheizung und den Fahrzeugantrieben verdrängen soll, wird der Stromverbrauch zunehmen. Und weil Elektromobile überwiegend nachts geladen werden und weil Wärmepumpenheizungen bei eiskalten, windstillen Hochnebelwetterlagen den höchsten Stromverbrauch haben, wird es bei der aktuellen politischen Entwicklung in ein paar Jahren eng werden mit dem Ausstieg aus Kohle- und Atomstrom.

Eine solche Fehlentwicklung könnte man dann den großen Stromkonzernen und ihren Parteienvertretern zum Vorwurf machen. Es ist aber auch möglich, durch eine verstärkte Nutzung von direkt aus Erneuerbaren Energien erzeugter Wärme sowohl den Stromsektor zu entlasten und den Verbrauch fossiler Brennstoffe drastisch zu vermindern. Vor allem die Solarthermie stellt in den nächsten, für den Klimaschutz so kritischen Jahren eine low hangig fruit dar, die nicht ungenutzt bleiben darf. EUROSOLAR muss sich den Vorwurf gefallen lassen, in den Wahlprüfsteinen überhaupt nicht danach zu fragen.

100 TWh/Jahr Solarwärme sind gesetzt

Dabei sind klassische Sonnenkollektoren keine „Vintage“-Technologie der Energiewende. Die zwischen den Interessen der Industrie und der Umweltverbände vermittelnde Denkfabrik Agora Energiewende schätzt das Potenzial der Solarthermie zur objektnahen Erzeugung erneuerbarer Wärme auf bis zu 69 TWh/Jahr. Und auch das ist noch keine echte Obergrenze. Die von der Agentur für Erneuerbare Energien e. V. im Auftrag der Grünen erarbeitete Studie „Die neue Wärmewelt: Szenario für eine 100% erneuerbare Wärmeversorgung in Deutschland“ zitiert als Bandbreite 70 bis 135 TWh/Jahr und legt sich auf einen Zielwert von 100 TWh/Jahr fest.

Dabei muss man sich bewusst sein, dass in Deutschland nach Angaben des Bundesverbandes Solarwirtschaft e. V. mit Stand Ende 2016 insgesamt knapp 20 Mio. m² Solarkollektorfläche installiert sind, die rund 7,5 TWh/Jahr Wärme erzeugen. Das ist nicht wenig, und hat dennoch um mehr als den Faktor 10 Luft bis zum 100 TWh-Ziel. Der jährliche Zubau muss dafür auf über 6 Mio. m² Kollektorfläche verzehnfacht werden, was die möglichen Skalierungseffekte zur Kostenreduktion deutlich macht.

Es ist höchste Zeit, der Energiepolitik das Versprechen abzunehmen, dieses brachliegende Potenzial zu aktivieren. So könnte die Solarthermie das Versprechen einlösen, jährlich 100 TWh Wärmeenergie zu liefern, ohne die Energiewende im Stromsektor zu gefährden, und ohne dass es die Welt kostet.